Werte im Schafspelz

Entlarven Sie die Tricks, mit denen wir alle manipuliert werden!

Michael Mary

etwa 210 Seiten

Preisreduzierung: Hardcover 9,95 €

Kritik und Antwort

Statt eines Textes, hier das Vorwort:

Das Thema Werte beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Damals ist mir aufgefallen, dass Erwachsene ihren Kindern vieles beibringen, das im glatten Widerspruch zum eigenen Verhalten steht. Beispielsweise war mir damals schleierhaft, warum der uralte Pfarrer, der stets inbrünstig die Nächstenliebe predigte, so viel Vergnügen daran finden konnte, uns Kindern seine frohe Botschaft mittels kräftiger Hiebe mit einem schmerzlich dünnen Rohrstock auf unsere Handflächen und Hinterteile einzuprägen. Ebenso merkwürdig verhielt sich sein Kaplan, der Gottes Worte auf kürzestem Wege in die Gehirne störrischer Schüler transportierte, indem er den schweren Katechismus auf ihre Köpfe krachen ließ. Dieses regelmäßig demonstrierte Verhalten wollte nicht recht zu den propagierten christlichen Werten passen.

Die Kirche war indes nicht die einzige Institution, die meine Verwirrung verursachte. Auch die Familie zeigte sich keineswegs als der Horte von Liebe, Harmonie und Treue, als der sie in der Schule, in den Medien und auch von den Eltern gepriesen wurde. In dieser Keimzelle gesellschaftlicher Ordnung wurde nach Herzenslust gestritten und geprügelt, was in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, nicht zu verbergen war; und auch die Pärchen, die sich im Walde in ihren Autos vergnügten, hatten den Treueschwur ganz offensichtlich im heimischen Ehebett vergessen. Nicht anders verhielt es sich in der Politik. Warum brachte meine Mutter mir bei, keinem Wort eines Politikers zu vertrauen, wo Ehrlichkeit von diesen doch so hochgehalten wurde? Wie waren Korruption und Vetternwirtschaft schon im Gemeinderat zu erklären? Einem Kind musste das rätselhaft bleiben.

Auch als junger Mann stolperte ich weiterhin über die Widersprüche zwischen den angepriesenen Werten und dem tatsächlichem Verhalten der Menschen. Wie konnten Soldaten, die angeblich die freie Welt verteidigten, in Vietnam Frauen vergewaltigen und foltern sowie Kinder und Greise töten? Und warum glaubten Demokraten, das chilenische Volk müsste sich befreit fühlen, nachdem sein demokratisch gewählter Präsident mit Unterstützung der U SA im Namen der Demokratie ermordet worden war? Warum wähnten sich Länder der Dritten Welt durch die freie Marktwirtschaft nicht bereichert, sondern auf neue und viel effektivere Weise kolonisiert? Und wie ist es heutzutage möglich, Menschen im Namen der Demokratie ihrer Menschenrechte zu berauben, indem man sie zu sogenannten Kombattanten erklärt und jahrelang in Drahtkäfige einsperrt?

Menschenwürde – Freiheit – Gerechtigkeit – Gleichheit – Wahrheit – Solidarität – Ehrlichkeit – Christlichkeit – Humanität – Toleranz – wenn diese Werte tatsächlich so wertvoll sind, wie von der Achse der Guten – denjenigen, die sich ständig und überall auf diese Werte berufen – behauptet wird, warum geht dann nicht ein Schrei durch die Gesellschaft, wann immer gegen diese Werte verstoßen wird? Warum halten Menschen an Werten fest, die sie im Alltag offensichtlich nicht leben können? Warum werfen sie diese Werte nicht einfach über Bord? Und darüber hinaus: Was hat jemand tatsächlich im Sinn, wenn er sich trotzdem und immer wieder auf Werte beruft?

Werte sind ein faszinierendes Thema, zu dem sich Fragen über Fragen auftun. Ich möchte in aller Bescheidenheit behaupten, diese im zarten Alter von 55 Jahren mittlerweile – zumindest für mich sehr befriedigend – beantwortet zu haben. Ich begreife nun, wozu Werte da sind und wie sie gebraucht werden. Das hat mich mit den Pfarrern, Lehrern, Politikern, aber auch mit den Wertepredigern im Privatbereich, also Freunden und Bekannten, und nicht zuletzt mit mir selbst insoweit versöhnt, als dass ich in Bezug auf Werte nichts anderes als Widersprüchlichkeit mehr erwarte.

Noch etwas Wichtiges hat sich für mich in angenehmer Weise verändert: Wenn in meiner Umgebung eine Wertebeschwörung einsetzt – das Reden über Werte erfreut sich gegenwärtig ja sehr großer Beliebtheit –, kann ich mich entspannt zurücklehnen und den Tricks und Blendungen der Wertepropheten zuschauen. Oder ihnen Kontra geben und mich darüber freuen, niemandem auf den Werteleim gegangen zu sein. Ähnliches wünsche ich auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und natürlich viel Vergnügen beim Lesen.

Hier eine "Zerflederrung" des Wertebuches durch Stefan Kayser und hier meine Antwort darauf:

Als mein Bestseller „5 Lügen die Liebe betreffend“ erschienen war, hielt mir ein Kollege vor, zu den selbsternannten Fachleuten zu gehören, die „selbst keine guten Liebhaber, langweilig im Bett und fantasielos in der Liebe“ wären. In der Kritik von Stefan Kayser zum Wertebuch erfahre ich nun, im Alter von 55 Jahren über keine „ausgereifte Bildung und Lebenserfahrung“ zu verfügen und andere Kleinigkeiten über mich.

Es fängt schon mit einem Irrtum an. Mir geht es nicht darum, wie Kayser meint, den Begriff der Werte zu untersuchen, sondern mein Schwerpunkt liegt darin, den Gebrauch der Werte zu beschreiben. Und dabei komme ich angeblich über Selbstverständlichkeiten nicht hinaus.

  •  Dass Werte nur für die Kommunikation gedacht sind und nicht wie überalls behautpt als Handlungsanleitung nicht taugen - das weiß doch jeder.

  •  Dass es keine Wertehierarchie gibt, keine höheren Werte – völlig logisch und Allgemeinwissen.

  • Dass man sich hinter Werten verschanzen kann, mit ihnen Streit auslösen, sie als Waffen gebrauchen kann – das ist doch nichts Neues.

  • Auch dass sie wunderbar taugen, um Kriege zu führen – weiß doch jeder.

  • Und dass man sich auf Werte beruft, um sich selbst nötige Veränderungen zu ersparen – alles Allgemeinwissen.

Lassen wir das so stehen und akzeptieren wir, für den Kritiker wäre es nichts Neues, weil das eben ein Mann mit "ausgereifte Bildung und Lebenserfahrung“ ist. Aber für Leute, die derart erfahren und gebildet und sonst noch was sind (wie er gleich zeigen wird, kann der Mann sogar Latein) ist das Buch nicht geschrieben, sondern für Leute, die tagtäglich mit Werten über den Tisch gezogen werden, und die müssen nicht mit der Erkenntnis des römischen Staatsdenkers Cicero ‚summum ius, summa inuria’ und auch nicht mit Max Webers ‚Gesinnungs- und Verantwortungsethik’ beglückt werden.

Die Behauptung des Kritikers, Werte seien für mich „völlig wertlos und gar nicht mehr anders als im Missbauch denkbar“ legt nun den Verdacht nahe, der Mann habe das Buch nicht zu Ende gelesen. Denn der Wert der Werte liegt, wie ich ausdrücklich betone, gerade in ihrer Unverbindlichkeit, gerade darin, dass sie Handlungen nicht festlegen, sondern offen lassen. Ihr Wert liegt in der Kommunikation, mit anderen und mit sich selbst (Identität). Mir liegt daran, dem Wert das "Höhere“ zu nehmen, auf das sich jeder Wertenutzer beruft und auf die Interessen hinzuweisen, die sich dahinter verbergen.

Worin liegt denn für Kayser der Wert der Werte? Angeblich ergibt sich aus dem „Spannungsverhältnis aus Interessen und Werten eine Verhaltensgrundlage in der Vertragstreue, so dass man weder gegen sich selbst handelt noch sein Gegenüber übervorteilt“. Hat sich der Mann mal in der Welt umgeschaut und diese Überzeugung mit der Wirklichkeit verglichen? Sein Gegenüber zu übervorteilen gehört zum guten Ton, erst wenn das Gegenüber zurückschlägt erinnern sich Personen oder Staaten an die beschworene 'Verhaltensgrundlage der Vertragstreue'. Was hat der Wert damit zu tun, wenn eingelenkt wird? Nichts, das ist eine Frage der Selbsterhaltung.

Aber das ist sicher nur die Sicht eines „intellektuell überforderten“, eines „ach so aufgeklärten Kirchenkritikers“, der "dogmatische Begriffe wie Unfehlbarkeit oder unbefleckte Erkenntnis regelmäßig falsch versteht und seine Kritik dann letztlich gegen die eigenen Bildungslücken richtet“. Ich werde nun also Theologie studieren müssen, bevor ich den Gebrauch von Dogmen kritisiere. Angeblich verstehe ich auch den Begriff des „Kombattanten“ völlig falsch, weil ich keine Ahnung vom internationalen Kriegs- und Völkerrecht habe“. Mag sein, aber das Kriegs- und Völkerrecht geht mir da am A … vorbei, weil ich den Nutzen beschreibe, den die USA aus dem Gebrauch des Begriffes ‚Kombattant’ zieht, und der liegt genau darin, Kombattanten als ‚Nicht-Menschen’ darzustellen und auch so zu behandeln. Mehr als 200 solcher Kombattanten sind inzwischen auf Kuba gemordet worden, unter Berufung auf die Werte Demokratie und Freiheit übrigens. Aber das weiß ja jeder.

Ich bin nicht nur intellektuell überfordert, sondern auch noch blöde. Angeblich weiß ich ja nicht, dass George Bush Protestant ist. Da muss ich zugeben, dass die betreffende Passage im Buch missverständlich ist. Ich beziehe mich auf einen Politiker, der vom jetzigen Pabst mit der Verweigerung der Kommunion bedroht wurde. Damit war nicht Bush gemeint. Dass man Bush nicht die Kommunion verweigern kann, ist mir ziemlich egal, ich möchte vielmehr darauf hinweisen, dass sein unchristliches Handeln vom Pabst nicht als unchristlich bezeichnet wird, weil auch der Pabst mit Werten je nach Interessenlage jongliert.

Als „Dittsche“, der sich an Fragen überhebt, die weit über meinen Horizont hinausgehen merke ich natürlich auch nicht, dass ich ideologisch verblendet bin. Ich falle im Zusammenhang der Chancengleichheit angeblich auf Leute herein, die einen „neuen Obrigkeitsstaat und Nivellierung auf unterstem Niveau verkaufen wollen“. Hier deutet sich an, aus welcher ideologischen Ecke der Kritiker kommt. Für ihn ist eine „Chance eine Herausforderung, die der Einzelne bestehen kann oder auch nicht“. Nun entblödet er sich nicht, um seine eigene Wortwahl zu nehmen, mir zu unterstellen, ich würde "eine gleiche Abiturientenquote in allen Bevölkerungskreisen als Naturzustand unterstellen“. Ich kann mich nicht erinnern, das irgendwo im Buch getan zu haben. Mir gibt aber zu denken, dass die unteren Schichten immer weiter bildungsmäßig abgehängt werden und auch bei gleicher Qualifikation und Leistung weniger Zugang zu Gymnasien und wenn doch, dann später schlechtere Jobs und weniger Geld bekommen. Aber vielleicht ist das für Kayser ja der Naturzustand und diese Leute haben zwar Chancen, sind aber wahrscheinlich auch zu blöde, diese ‚Herausforderungen’ zu bestehen.

Mein Buch taugt seiner Meinung nach nur für „sehr weltfremde und blauäugige Menschen“. Davon muss es wohl jede Menge geben, denn die meisten Menschen, denen ich begegne, kennen die Tricks und Gefahren der Wertediskussion nicht. Was will ich mit dem Buch? Ich will dass jemand, der mit Werten beworfen wird nicht in die Wertefalle gerät. Ich will, dass jemand, der auf Werte festgelegt werden soll ganz klar weiß, dass die Berufung auf den Wert lediglich die 'Differenz [der Interessen] für den Augenblick der Kommunikation still stellen soll’ und dass dessen Handeln nicht von Werten, sondern von Interessen geleitet ist. Wenn mein Buch das erreicht – und aus der Rückmeldung zahlreicher Leser weiß ich, dass es diesen Zweck erfüllt – dann hat es seinen Sinn erfüllt.

Man mag sich fragen, was das Buch bei Stefan Kayser getroffen haben muss, dass er dem offenbar unbändigen Drang erliegt, mich als dumm, blöd, unerfahren, blauäugig, weltfremd zu bezeichnen. Und nebenbei auch gleich die Leser, die einen Gewinn aus dem Buch ziehen.

Buch bestellen